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  Tod auf Raten
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Tod auf Raten (I)

18.12.2008
BERLIN
(Eigener Bericht) - Trotz mehrjähriger Proteste setzt die Bundesregierung ihre Blockadepolitik in Sachen Uranmunition fort. Die Munitionsart, die außergewöhnliche Zerstörungskraft besitzt und daher von NATO-Mitgliedern in sämtlichen größeren Kriegen seit Beginn der 1990er Jahre eingesetzt worden ist, ruft ernste Kontaminationen in ihren Einsatzgebieten hervor. Wissenschaftlern zufolge verursacht sie tödliche Krebserkrankungen und Missbildungen an Neugeborenen. Nach Erkenntnissen westlicher Militärexperten sind davon Hunderttausende, womöglich Millionen Menschen an den Schauplätzen westlicher Kriegsinterventionen betroffen - im Irak, im früheren Jugoslawien und in Afghanistan. Berlin streitet bis heute Verbindungen zwischen dem Einsatz von Uranmunition und den Erkrankungen ab, zumal sich die Vorwürfe auch auf Kriege mit deutscher Beteiligung beziehen und überwiegend engste Bündnispartner der Bundesrepublik betreffen. Zudem waren deutsche Rüstungskonzerne und die Bundeswehr in Entwicklung und Erprobung von Uranmunition involviert. Ein deutsches Gericht beschwert sich, von der Bundeswehr bei der Aufklärung von Vorwürfen, Uranmunition sei in Deutschland in erheblichem Umfang getestet worden, getäuscht worden zu sein. "Die Bundeswehr wird weiterhin die Aufklärung behindern und damit Menschenleben gefährden", vermutet der Dokumentarfilmer Frieder Wagner, der sich seit Jahren mit der Thematik befasst, im Gespräch mit german-foreign-policy.com.
Tödlicher Einschlag
Gegen den Einsatz von Uranmunition durch die Armeen mehrerer NATO-Staaten, insbesondere der USA und Großbritanniens, regt sich seit Jahren heftiger Protest. Uranmunition, nach der englischen Bezeichnung für abgereichertes Uran ("Depleted Uranium") auch DU-Munition genannt, wird seit dem Beginn der 1990er Jahre verwendet, weil sie außergewöhnliche Zerstörungskraft besitzt. Urangeschosse durchschlagen nicht nur mühelos Panzer und Gebäude, sondern lösen anschließend auch Explosionen aus und stehen wegen ihrer umfassenden Vernichtungswirkung bei Militärs hoch im Kurs. Sie wurden in sämtlichen großen Kriegen der vergangenen 20 Jahre angewandt - im Irakkrieg 1991, in den Kriegen gegen Jugoslawien 1995 und 1999, im Irakkrieg 2003 und Indizien zufolge möglicherweise auch im Afghanistankrieg.
Tödliche Folgen
Fatale Wirkung entfaltet Uranmunition nicht nur beim Einschlag ins Ziel, sondern auch danach. Ursache ist, dass das abgereicherte Uran, das zu ihrer Herstellung verwendet wird, sowohl radioaktiv als auch hochgiftig ist. Beim Einsatz der DU-Geschosse entstehen winzige keramisierte Nanopartikel - "praktisch ein Metallgas", erläutert Frieder Wagner im Gespräch mit dieser Redaktion. Wagner ist Dokumentarfilmer und recherchiert bereits seit Jahren über Uranmunition. Wer das "Metallgas" einatmet, "kann furchtbare Krankheiten bekommen", sagt Wagner: "Immunschwäche, Leukämie, Krebstumore." Zudem "kommt es bei Mensch und Tier zu Chromosomenbrüchen."[1] Die Folge sind oft schlimmste Missbildungen bei Neugeborenen. "Und das Problem löst sich auch nicht, wenn alle Menschen, die das Metallgas eingeatmet haben, irgendwann einmal tot sind", warnt Wagner: "Sie geben den deformierten genetischen Code weiter an ihre Kinder und Kindeskinder, wie bei einer Epidemie."
Ein Drittel
Tatsächlich sind die verheerenden Spätfolgen des Einsatzes von Uranmunition bekannt. Ein Beispiel bietet die Kleinstadt Hadzici nahe Sarajewo. Von dort siedelten die jugoslawischen Behörden nach einem NATO-Bombardement 1995 rund 3.500 Menschen um, weil sie schlimme Nachwirkungen fürchteten - offenkundig zu Recht: Binnen nur fünf Jahren starben ein Drittel der aus Hadzici umgesiedelten Menschen - 1.112 Personen - an aggressiven Krebserkrankungen. Hadzici war von DU-Geschossen getroffen worden. "Aus einer vertraulichen Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums ist bekannt, dass nach britischen Erkenntnissen schon die Anwendung von 40 Tonnen Uranmunition zu 500.000 Nachfolgetoten führen kann", berichtet Wagner.[2] Ihm zufolge wurden allein im Golfkrieg von 1991 mindestens 320 Tonnen DU-Munition von den westlichen Alliierten verschossen.
"Kein Zusammenhang"
Abweichend von den britischen Erkenntnissen und den Erfahrungen aus Hadzici lässt die Bundesregierung bereits seit dem Jahr 2001 regelmäßig verlauten, sie erkenne - so die jüngste Formulierung vom November - keinen "wissenschaftlich nachweisbaren ursächlichen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Munition mit abgereichertem Uran und den damit von Medienberichten in Verbindung gebrachten Krankheiten".[3] In offenem Widerspruch zu dieser Aussage wurde in der Bundeswehr jedoch schon in den 1990er Jahren ausdrücklich vor DU-Geschossen gewarnt.
Show-Business
Dies berichtete Anfang 2001 detailliert der damalige Vorsitzende des Bundeswehr-Verbandes, Bernhard Gertz. Ihm zufolge hatten die zuständigen Bundeswehrgeneräle eine Uran-Warnung der NATO für das Kosovo an die deutschen Truppen weitergegeben. "Deutsche Soldaten waren gewarnt", sagte Gertz; sie hätten die bekannten DU-Fundstellen markiert und für Arbeiten auf verseuchten Gebieten Schutzkleidung sowie Atem- und Strahlenschutzgeräte erhalten.[4] Gertz kritisierte allerdings den damaligen Verteidigungsminister Scharping scharf. Die Truppe, die am 12. Juni in das Kosovo einzurücken begonnen hatte, sei erst am 5. Juli "über die Gefahren von Uran-Munition informiert" worden und nicht bereits beim Einmarsch, wofür Scharping hätte sorgen müssen, beschwerte sich der Chef des Bundeswehr-Verbandes.[5] Dass der Minister zudem behaupte, DU-Geschosse verursachten keinerlei Gefahren für die Gesundheit, sei "ein bisschen Show-Business".
Seit 1970
Mit Uranmunition hatte die Bundeswehr damals bereits jahrzehntelange Erfahrung. Erste Experimente - nach Angaben der Bundesregierung handelte es sich dabei um "Untersuchungen von aus US-Fertigung zur Verfügung gestellter Munition mit Penetratoren aus abgereichertem Uran" [6] - wurden seit 1970 auf dem Schießplatz des Rheinmetall-Rüstungskonzerns in Unterlüß (bei Celle/Bundesland Niedersachsen) durchgeführt - bis zum Jahr 1978. Die Versuche fanden in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung statt. Dasselbe galt für Versuche auf einem Gelände des Rüstungskonzerns Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB - heute ein Teil von EADS) in Schrobenhausen (Bundesland Bayern); diese hatte sich Rheinmetall von den bayrischen Behörden für den Zeitraum von März 1979 bis April 1996 genehmigen lassen.[7] Bernhard Gertz zufolge erwog die Bundeswehr damals, "panzerbrechende DU-Munition zu beschaffen", stellte das Vorhaben jedoch wegen der höchst schädlichen Spätwirkungen von abgereichertem Uran zurück.[8] Aus gutem Grund: Schon in den 1980er Jahren bemerkte eine Bürgerinitiative in Schrobenhausen, dem Rheinmetall-Testort, eine merkwürdige Häufung einschlägiger Erkrankungen.
Politisch nicht durchsetzbar
Auch für die 1980er und die 1990er Jahre liegen deutliche Hinweise auf Bundeswehr-Tests mit Munition aus abgereichertem Uran vor. Presseberichten zufolge hatte das Bundesverteidigungsministerium am 29. Oktober 1986 die Rüstungsfirma Dynamit Nobel beauftragt, eine Machbarkeitsstudie über eine Fertigungsanlage für DU-Geschosse zu erstellen. Im April 1987 kam Bonn demnach jedoch zu dem Schluss, eine solche Anlage sei "angesichts des politischen Umfelds nicht durchzusetzen".[9] Andere Berichte nennen Untersuchungen über das Durchschlagsverhalten von DU-Geschossen, die zu Beginn der 1990er Jahre durchgeführt worden sein sollen - in einem deutsch-französischen Forschungsinstitut und gemeinsam mit den US-Streitkräften. Dass die Wirkungen von abgereichertem Uran durchaus bekannt waren, belegt nicht zuletzt die Warnung eines Experten der Technischen Schule der Luftwaffe in Kaufbeuren. "Schießversuche mit Uran-Hartkerngeschossen im Freien und Kampftätigkeiten stellen eine primäre Gefahrenquelle für die Wasserqualität in dem betreffenden Gebiet dar", hatte der Mann 1982 erklärt und darauf hingewiesen, dass durch DU-Munition "die Tierwelt gefährdet werden" könne.[10]
Mitten in Deutschland
Experimente aus dem Jahr 1983 beschäftigen noch heute die deutsche Justiz. "Im August 1983 hat die Bundeswehr, unter strengster Geheimhaltung, Tests mit Uranmunition durchgeführt", berichtet Frieder Wagner im Gespräch mit german-foreign-policy.com. Dabei verschossen die Streitkräfte "mehrere Tonnen Uranmunition mitten in Deutschland in Bergen/Hohne".[11] Schutzmaßnahmen wurden Wagner zufolge nicht getroffen - um der Geheimhaltung willen. "Einer der Geschädigten ist heute krank und arbeitsunfähig und führt seit vielen Jahren eine Klage auf Wehrdienstentschädigung", berichtet der Filmregisseur. Erst vor wenigen Wochen hat das Landessozialgericht erklärt, von der Bundeswehr über die damaligen Geschehnisse bewusst getäuscht worden zu sein, und hat neue Ermittlungen angekündigt. "Dabei wäre", erklärt Wagner, "eine schnelle Aufklärung wichtig, da auf dem kontaminierten Übungsplatz in Bergen-Hohne immer noch Soldaten üben und auch die Zivilbevölkerung gefährdet ist".
Mitte 2007
Wie die Bundesregierung berichtet, befasst sich die deutsche Rüstungsindustrie mittlerweile erneut mit DU-Geschossen. "Die Firma Rheinmetall hatte Mitte 2007 als Beobachter an Versuchen mit Munition mit abgereichertem Uran in den USA teilgenommen", heißt es in einer Drucksache vom April 2008.[12] Während Rheinmetall "beobachtet", streitet Berlin weiterhin jegliche Kenntnis über die tödlichen Spätwirkungen des Einsatzes von Uranmunition ab. Wie es gelungen ist, im Jahr 2001 auch die mediale Debatte über die Thematik zum Schweigen zu bringen, obwohl die Proteste gegen Uranmunition wegen ihrer tödlichen Folgen seit Jahren anhalten, lesen Sie in wenigen Tagen auf german-foreign-policy.com.
Bitte lesen Sie auch unser Interview mit Frieder Wagner.
[1], [2] s. dazu Todesstaub (I)
[3] Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Kossendey auf eine Anfrage der Abgeordneten Lale Akgün vom 6. November 2008; Deutscher Bundestag, Drucksache 16/10945
[4] Bundeswehrverband: Deutsche Soldaten waren vor Uran gewarnt; Netzeitung 08.01.2001
[5] Gertz nennt Scharpings Informationen zu Uran-Munition "Täuschung"; Netzeitung 23.01.2001
[6] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/8992, 25.04.2008
[7] Bundeswehr beauftragte Rheinmetall mit Test von Uran-Munition; Netzeitung 19.01.2001
[8], [9] Uranmunition in Deutschland; antimilitarismus information 2/2001
[10] Bundeswehr 1982 vor Uranmunition gewarnt; Netzeitung 20.01.2008
[11] s. dazu Todesstaub (I)
[12] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/8992, 25.04.2008

Tod auf Raten (II)

22.12.2008
BERLIN/NEUHERBERG/HAMBURG
(Eigener Bericht) - Untersuchungsergebnisse eines staatseigenen Forschungsinstituts bestätigen die von Urangeschossen ausgehende Gefahr. Wie der Dokumentarfilmer Frieder Wagner im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt, liegen solche Ergebnisse beim Institut für Strahlenschutz des Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit (GSF) in Neuherberg bei München vor, werden aber vom staatlichen Träger nicht publiziert. Ihre Veröffentlichung würde laut Wagner Verbündete der Bundesrepublik in Schwierigkeiten bringen, weil sie Uranmunition in erheblichen Mengen einsetzen, so vor allem die USA und Großbritannien. Auch die deutsche Militärpolitik, die sich an Bündniskriegen mit Uranmunition beteiligte, hat den Beweis der tödlichen Spätfolgen zu fürchten. Entsprechende PR-Anstrengungen unternimmt das Bundesverteidigungsministerium. Einer 2001 von Militärs erarbeiteten Auftragsstudie lieh der damalige "Zeit"-Publizist Theo Sommer ("Editor-at-Large") seinen Namen. Bis heute wird die Thematik von den deutschen Mainstream-Medien weitgehend ignoriert.
Erlaubnis zum Mord
Dass Uranmunition nicht nur beim Einschlag in ihr Ziel extreme Zerstörungskraft entfaltet, sondern über den beim Aufprall entstehenden radioaktiven und hochgiftigen Uranstaub auch danach, ist von zahlreichen Wissenschaftlern bestätigt worden. Auch das radiobiologische Forschungsinstitut der US Army räumt ein, dass abgereichertes Uran Krebs hervorrufen kann. "Nach allen vernünftigen Maßstäben, die wir aus den Ergebnissen der Wissenschaft gewinnen, gibt es keine unbedenkliche Dosis, keine ungefährliche in den Körper aufgenommene Alpha-Strahlung", bestätigte noch in den 1990er Jahren der US-Wissenschaftler John Gofman, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt gewesen war: "Wenn dies also eine Tatsache ist, dann ist jede geduldete Verstrahlung die Erlaubnis zu einem Mord."[1]
Kronzeuge GSF
Dass eine solche Verstrahlung von Uranstaub verursacht werden kann, der beim Aufprall von Urangeschossen entsteht, belegt eine Studie des Instituts für Strahlenschutz am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in Neuherberg bei München. Dies berichtet der Dokumentarfilmer Frieder Wagner, der seit Jahren über Uranmunition und ihre Folgen recherchiert, im Gespräch mit german-foreign-policy.com.[2] Der Vorgang ist auch deswegen von Bedeutung, weil das Neuherberger Institut in Berlin mit einer älteren, oft kritisierten Studie als Kronzeuge für eine angebliche Ungefährlichkeit von Uranstaub dient. Gegenstand einer weiteren Studie des GSF ist jedoch das Verhalten eingeatmeter DU-Staubpartikel in der Lunge. "Ein gewisser Teil dieses DU-Materials, etwa ein Drittel, löst sich sehr rasch auf innerhalb von wenigen Tagen, wird also aus der Lunge entfernt. Der andere Teil, etwa die Hälfte bis zwei Drittel, löst sich entweder nur sehr langsam oder vielleicht auch gar nicht auf", erklärte ein Forscher des Instituts gegenüber Wagner.[3] Dieser zweite Teil verstrahlt das angrenzende Zellgewebe. Wagner berichtet, der Neuherberger Forscher habe ihm gegenüber bekannt, "dass man aufgrund der Ergebnisse dieser neuen Studie (...) bereit sein müsse, eigene Fehleinschätzungen zu erkennen und eine 180-Grad-Wendung zu vollziehen." Vor der Filmkamera wollte er die Einschätzung nicht wiederholen
.
"Mit Ihnen einer Meinung"
Tatsächlich konnte man die Ergebnisse dieser Studie "bisher in keiner Presseveröffentlichung des Verteidigungsministeriums finden", konstatiert Wagner. "Es liegt darum der begründete Verdacht nahe, dass man ein solches Ergebnis bewusst gegenüber der Öffentlichkeit und dem Parlament unterdrückt hat." Der Verdacht wiegt schwer: Die GSF ist eine Forschungseinrichtung des Bundes und des Bundeslandes Bayern, sie wird zu mehr als 50 Prozent aus staatlichen Mitteln finanziert. Ihre DU-Studien wurden im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums erstellt. Wie Wagner bemerkt, habe das Ministerium seine Erwartung an die GFS bereits bei einer ersten Auftragsvergabe festgehalten. In einem Schreiben, mit dem das Institut für Strahlenschutz für die Studie instruiert wurde, teilte der Auftraggeber mit: "Grundsätzlich bin ich mit Ihnen einer Meinung, daß man bei Berücksichtigung der Erfahrungen aus dem Golfkrieg hypothetisch von keinem signifikanten gesundheitlichen Gefährdungspotential durch die Anwesenheit von Bestandteilen an DU-Munition und deren Reaktionsprodukten am/im Boden oder an getroffenen militärischen Fahrzeugen ausgehen muß."[4] Damit war der genehme Zielkorridor sämtlicher Untersuchungen eingegrenzt.
Arbeitsstab Dr. Sommer
Ganz in diesem Sinne war zudem ein "Arbeitsstab Dr. Sommer" tätig geworden, den das Bundesministerium für Verteidigung 1999 einsetzte. Bei "Dr. Sommer" handelt es sich um den früheren "ZEIT"-Journalisten Theo Sommer, der zeitweise auch als Leiter des Planungsstabs im Verteidigungsministerium Karriere machte. Der "Arbeitsstab" sollte die mediale Unruhe eingrenzen, die wegen des Einsatzes von Uranmunition beim NATO-Überfall auf die Bundesrepublik Jugoslawien im Entstehen begriffen war. Der "Arbeitsstab", dem auch ein Außenpolitik-Redakteur der einflussreichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung angehörte [5], kam zu einem beruhigenden Ergebnis: Durch Uranmunition entstehe keine besondere Gefahr für Soldaten und Zivilbevölkerung.
Verharmlosend und fehlerhaft
Kritiker bemerkten bereits damals, in dem Bericht des "Arbeitsstabes" sei vermerkt, "dass US-Soldaten die Einsatzorte der Uranmunition im Kosovo sofort nach dem Einmarsch gründlich von Munitionsresten gereinigt haben" - "ein völlig unnützer Aufwand, wenn die Risiken so gering wären, wie der Bericht sie einschätzt".[6] Bemerkenswert ist etwa auch, dass der Bericht erklärt, in der jugoslawischen Kleinstadt Hadzici - dort waren im September 1995 rund 2.600 Uran-Geschosse der NATO-Truppen niedergegangen - habe man "keinerlei Kontaminierung" festgestellt.[7] Von rund 3.500 Menschen, die nach dem NATO-Bombardement aus Hadzici umgesiedelt worden waren, verstarben binnen fünf Jahren 1.112 Personen - fast ein Drittel - an aggressivem Krebs.[8] Sommers Bericht zitiere "aus allen möglichen, meist verharmlosenden und fehlerhaften Studien", resümiert Wagner die merkwürdigen Befunde des Editor-at-Large der Wochenzeitung Die Zeit.[9]
Signal
Ihre Wirkung gegenüber den deutschen Medien hat die Auftragsarbeit für das Verteidigungsministerium jedoch nicht verfehlt. Monate vor der Veröffentlichung des "Arbeitsstab"-Berichts warf Theo Sommers Wochenzeitung "Die Zeit" den über Uranmunition berichtenden Journalisten "kollektive Hysterie" vor und rief nach der Veröffentlichung eine "Blamage der Alarmisten" aus - ein Signal, das rasch wirkte: Seit dem Sommer 2001 sind Berichte über die tödlichen Spätfolgen von Uranmunition aus den großen deutschen Medien fast völlig verschwunden.[10] Dass die geringe Überzeugungskraft des Arbeitsstab-Berichtes der Grund dafür ist, kann als unwahrscheinlich gelten. Tatsächlich gefährdet die Kritik an DU-Munition die Militärpolitik Berlins, die zur Verfolgung ihrer weltweiten Interessen nach wie vor auf das westliche Kriegsbündnis und auf dessen Waffensysteme angewiesen ist.
Bitte lesen Sie auch Teil 2 und Teil 3 unseres Interviews mit Frieder Wagner. Teil 1 des Interviews finden Sie hier. Weitere Informationen zur deutschen Beteiligung an Entwicklung und Erprobung von Uranmunition finden Sie hier.
[1] Gofman J.W.: Radiation Induced Cancer from Low-Dose Exposures, 1990
[2], [3] s. dazu Todesstaub (II)
[4] s. dazu Gefährdungspotenzial
[5] Bericht des Arbeitsstabes Dr. Sommer: Die Bundeswehr und ihr Umgang mit Gefährdungen und Gefahrstoffen. Uranmunition, Radar, Asbest, 21. Juni 2001
[6] Nebelkerzen im Doppelpack?; NDR: Streitkräfte und Strategien, 30.06.2001
[7] Bericht des Arbeitsstabes Dr. Sommer: Die Bundeswehr und ihr Umgang mit Gefährdungen und Gefahrstoffen. Uranmunition, Radar, Asbest, 21. Juni 2001
[8] s. dazu Tod auf Raten (I)
[9] s. dazu Todesstaub (II)
[10] s. dazu Todesstaub (III)


Todesstaub (Interview)

18.12.2008
KÖLN
Über Uranmunition und die Folgen ihres Einsatzes durch NATO-Staaten sprach german-foreign-policy.com mit Frieder Wagner. Frieder Wagner ist Regisseur und Autor und hat für seinen Dokumentarfilm über Uranmunition ("Deadly Dust - Todesstaub") den Europäischen Fernsehpreis erhalten.



german-foreign-policy.com: Anfang 2001 gab es in Deutschland eine lebhafte öffentliche Debatte über Uranmunition. Sie verstummte bald. Was war geschehen?

Wagner: Es ist richtig, bis zum Januar 2001 haben die meisten großen deutschen Zeitungen und politischen Fernsehmagazine immer wieder über mögliche Gefahren durch die uranhaltige Munition - bis zu schweren Missbildungen bei Neugeborenen - berichtet. Politische Fernsehmagazine wie MONITOR im Westdeutschen Rundfunk hatten dazu immer wieder Beiträge gebracht. MONITOR sprach Ende 1999 in einem Beitrag sogar von ganzen "Landstrichen im Kosovo", die womöglich verseucht seien. Der SPIEGEL-Redakteur Siegesmund von Ilsemann konnte in den SPIEGEL-Ausgaben 3 und 4 des Jahres 2001 unter dem Titel "Tödlicher Staub" noch über viele Seiten über die Gefahren, die von den zu keramisiertem Uranoxidstaub verbrannten Geschossen für Mensch und Natur ausgehen, berichten. Danach wurde kaum noch über das Golfkriegs- bzw. Balkansyndrom oder die Folgen der Uranmunition berichtet.

gfp.com: Wie kam das?

Wagner: DIE ZEIT hatte durch ihren Wissenschaftsjournalisten Gero von Randow unter dem Titel "Das Golfkriegssyndrom" im Januar 2001 die Wende eingeläutet. Auf fast einer ganzen Seite durfte von Randow seine Sicht der Dinge und was er von den Berichten der Konkurrenz zu diesem Thema hielt, darlegen. Schon im Untertitel konnten wir lesen, wohin das führen würde. Von Randow schrieb dort: "Die Politik reagiert lau, die Medien schüren Angst und Fakten spielen keine Rolle". Und dann zog er über die Kollegen der Konkurrenz her, sprach davon, dass die "Vierte Gewalt" - also die Presse - außer Rand und Band geraten sei und dass "im Falle kollektiver Hysterie alles möglich sei". Im STERN seien "grausige Bilder missgebildeter Kinder und anderer kranker Menschen mit der unbelegten Behauptung kommentiert worden, die US-Munition sei schuld und nicht etwa Saddams Chemiewaffen, der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung, die Umweltschäden oder andere Mißstände im Irak."

Zu dieser sarkastischen Bemerkung von Randows möchte ich hier fragen: Fallen solche "Mißstände, die Umweltschäden und der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung im Irak" einfach vom Himmel? Warum hat er nicht wirklich selbst recherchiert? Hätte er dann womöglich herausgefunden, dass die britische Atomenergiebehörde im April 1991, also einen Monat nach Ende der "Operation Wüstensturm", in einem geheimen Bericht das britische Verteidigungsministerium warnte, dass schon 40 Tonnen von angewendeten, verbrannten Urangeschossen über 500.000 Todesopfer fordern könnten? In Wirklichkeit, und das wusste auch von Randow damals, waren über 320 Tonnen im Irakkrieg 1991 verschossen worden. Die Rechnung der britischen Atomenergiebehörde zugrunde gelegt, müsste man dann mit erschreckenden 4.000.000 Todesopfern im Irak in den kommenden Jahren rechnen. Gero von Randow durfte dann im Juni 2001 in der ZEIT-Ausgabe Nr. 26 unter dem Titel "Uransyndrom: Die Blamage der Alarmisten" in Sachen Uranmunition noch einmal kräftig nachlegen. Da frage ich mich dann aber auch: Wie konnte ein so renommierter Journalist eine solche Gefälligkeitsarbeit für die Uranmunitions-Verharmloser schreiben? Wusste er es nicht besser oder hat er da jemandem blind vertraut?

gfp.com: Welche Erklärung haben Sie?

Wagner: Nun, da müssen wir ein wenig die damaligen ZEIT-Umstände durchleuchten: Ende 1999 wurde nämlich Dr. Theo Sommer, laut Impressum der ZEIT damals im Beirat dieser Zeitung und Editor-at-Large, von Verteidigungsminister Rudolf Scharping als Sonderbeauftragter in eine "Theo Sommer-Kommission" berufen, die klären sollte, ob die Reste der im Kosovokrieg durch die Alliierten eingesetzten Urangeschosse für die dortige Bevölkerung, unsere Soldaten und die Natur schädlich sind. Zählt man nun eins und eins zusammen, so müssen wir uns fragen, ob da nicht der Verdacht nahe liegt, dass Gero von Randows Beitrag in der ZEIT in Abstimmung mit seinem Chef Sommer und nicht zufällig erfolgte, indem er die Ergebnisse der so genannten "Dr. Theo Sommer-Studie" in Teilen vorab veröffentlichte, ohne sie allerdings richtig nachzurecherchieren? (Näheres zur "Theo Sommer-Studie" finden Sie in Teil 2 unseres Interviews mit Frieder Wagner.) Aber so konnten wohl zwei Dinge gleichzeitig gelöst werden, nämlich: ZEIT-Beiratsmitglied Dr. Theo Sommer erwies sich als höchst zuverlässig im Sinne seines Auftraggebers, des Verteidigungsministers Rudolf Scharping, der zu dieser Zeit durch die harsche Kritik der Medien in Sachen Uranmunition in arge Bedrängnis geraten war. Andererseits konnte DIE ZEIT als Sprachrohr der Regierung auftreten, indem der Redakteur Gero von Randow, wie wir weiter oben gelesen haben, Journalistenschelte gegenüber der Konkurrenz betreiben konnte mit der Strategie: "Blamage der Alarmisten". So wird allerdings auch deutlich, dass es mit der journalistischen Unabhängigkeit des Redakteurs der ZEIT, Gero von Randow, damals nicht gut bestellt war.

gfp.com: Zumal die "Dr. Theo Sommer-Studie" ohnehin scharfer Kritik ausgesetzt war...

Wagner: Mit der Regierungsstudie des "Arbeitsstabes Dr. Theo Sommer": "Die Bundeswehr und ihr Umgang mit Gefährdungen und Gefahrstoffen" vom 21. Juni 2001 hat es sowieso eine besondere Bewandtnis. Sie zitiert im Kapitel "Abgereichertes Uran" aus allen möglichen, meist verharmlosenden und fehlerhaften Studien von NATO, EU und WHO. Die Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind aber deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil die WHO schon 1959 mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) ein Abkommen geschlossen hat, in dem der Satz steht: "Wenn eine der beiden Parteien eine Aktivität oder ein Programm in einem Bereich beginnen will, der für die andere Partei von Interesse ist oder es sein könnte, wird sie die andere Partei konsultieren, um die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln."[1] Genau diese Verpflichtung auf eine "einvernehmliche Regelung" erlaubt es der IAEO seither, alle Bemühungen der WHO zu unterbinden, Zusammenhänge von radioaktiver Strahlung und Erkrankungen in der Bevölkerung zu untersuchen bzw. zu veröffentlichen.

gfp.com: Sie haben im Jahr 2004 einen Film über Uranmunition gedreht. Welche Erfahrungen haben Sie danach gemacht?

Wagner: Heute sehe ich es als "Unfall" an, dass der WDR 2004 meine mit Valentin Thurn realisierte Dokumentation "Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra" gesendet hat. Ich habe zwar für den Film auf der ÖKOMEDIA 2004 den Europäischen Fernsehpreis erhalten, trotzdem verschwand er nach der Erstausstrahlung im WDR-Archiv. Danach war in Sachen Uranmunition mediale Funkstille. Das hat mich sehr verblüfft, denn dieses Thema wird uns alle noch sehr lange beschäftigen. DU, Depleted Uranium, ist ja eine radiologische und hoch giftige Waffe, die noch Jahrhunderte nach seiner Anwendung Mensch und Umwelt schädigt. Deshalb habe ich die später realisierte Kinodokumentation auch "Todesstaub" genannt. Für "Todesstaub" habe ich bis heute keinen Verleih gefunden. Deshalb zeige ich den Film in unabhängigen Programmkinos und an Schulen. Das tue ich zum einen, um dieses Kriegsverbrechen bekannt zu machen, zum anderen aber auch, weil ich seit der WDR-Ausstrahlung über die verstrahlten Kinder von Basra von keinem öffentlich-rechtlichen Sender je wieder einen Auftrag bekommen habe, obwohl ich für ARD, ZDF und WDR seit 30 Jahren gearbeitet habe. Da bin ich wohl jemandem zu heftig auf die Füße getreten. Kann ich das beweisen? Nein. Ist es so passiert? Ja. Nur im Falle eines Beitrags zu dieser Thematik für den Deutschlandfunk habe ich eine schriftliche Korrespondenz, die die Verhinderung eines solchen Features dokumentiert.

gfp.com: Haben Sie Hoffnung, dass sich die Lage ändert?

Wagner: Kürzlich waren zwei sachkundige Wissenschaftler und ich zu einer Anhörung über DU und die Folgen ins Auswärtige Amt eingeladen. Wir waren hocherfreut, dachten, dass sich endlich etwas bewegt. Doch leider mussten wir feststellen, dass sich die Regierung in ihrer verharmlosenden Sicht keinen Millimeter bewegt. Das wird man eines Tages schwer bereuen, wenn geschädigte deutsche Soldaten und ihre missgebildeten Kinder Wiedergutmachungsforderungen in Milliardenhöhe an die Regierung stellen werden. Das Thema Urangeschosse und die Folgen bleibt leider für die Medien und die Politik eine ganz unbequeme Wahrheit.

Die DVD "Todesstaub" von Frieder Wagner kann unter ochowa-film@t-online.de für 25,- Euro beim Autor bezogen werden.
[1] Vertrag zwischen der Internationalen Atomenergiekommission und der WHO, angenommen von der 12. WHO-Generalversammlung am 28. Mai 1959 in der Resolution WHA 1240. S. auch Organisation mondiale de la santé, "Documents fondamentaux", 42. Auflage, WHO, Genf 1999.

2.Teil
german-foreign-policy.com: Was ist das Besondere an Uranmunition?

Frieder Wagner: Uran besitzt für militärische Zwecke ausgezeichnete Eigenschaften. Formt man es zu einem spitzen Stab und beschleunigt ihn entsprechend, dann durchdringt er aufgrund seines enormen Gewichtes Stahl und Stahlbeton ganz mühelos - ganz wie heißes Eisen ein Stück Butter. Es entsteht dabei an diesem abgereicherten Uranmetallstab ein Abrieb, der sich bei der enormen Reibungshitze mit Temperaturen zwischen 3.000 und 5.000 Grad Celsius selbst entzündet. Das bedeutet: Wenn sich ein solches Geschoss in Sekundenbruchteilen durch einen Panzer schweißt, entzündet sich das abgereicherte Uran. Die Soldaten in dem Panzer verglühen. Zwei bis drei Sekunden später explodiert dann die im Panzer befindliche Munition und das Fahrzeug wird so völlig zerstört. Wegen dieser beiden Eigenschaften - Stahl wie Butter durchdringen zu können und sich selbst zu entzünden und daher wie ein Sprengstoff zu wirken - ist Uran heutzutage bei den Militärs so beliebt.

gfp.com: Abgereichertes Uran ist radioaktiv...

Wagner: Selbstverständlich. Uranwaffen werden aus abgereichertem Uran hergestellt. Abgereichertes Uran - englisch: Depleted Uranium - ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie. Wenn man aus natürlichem Uran Brennstäbe herstellt, fallen viele Tonnen abgereichertes Uran an. Sie sind zwar als Alphastrahler nur schwach radioaktiv, müssen aber entsprechend entsorgt und bewacht werden. Das kostet eine Menge Geld. Abgereichertes Uran, das als Schwermetall wie Blei auch noch hochgiftig ist, hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren. Inzwischen gibt es weltweit davon etwa 1,2 Millionen Tonnen, täglich werden es mehr. Die Atomindustrie stellt sich natürlich die Frage, wie sie dieses radioaktive und hochgiftige Material los wird. Der Verkauf an die Rüstungsindustrie ist für sie eine angenehme Alternative zur teuren und umständlichen Entsorgung.

gfp.com: Uranmunition zerstört also Panzer und Gebäude mit hoher Effizienz, aber mit einem giftigen und radioaktiven Material. Welche Folgen hat das?

Wagner: Bei den hohen Temperaturen von bis zu 5.000 Grad Celsius, die beim Einsatz von Uranmunition entstehen, verbrennt das Urangeschoss zu winzigen keramisierten Nanopartikelchen. Sie sind rund hundert Mal kleiner als ein rotes Blutkörperchen. Es entsteht praktisch ein Metallgas, das weiterhin radioaktiv und hochgiftig ist. Wer es einatmet, kann furchtbare Krankheiten bekommen: Immunschwäche, Leukämie, Krebstumore. Außerdem kommt es bei Mensch und Tier zu Chromosomenbrüchen. Dadurch verändert sich der genetische Code. Schlimmste Missbildungen bei Neugeborenen können die Folge sein. Und das Problem löst sich auch nicht, wenn alle Menschen, die das Metallgas eingeatmet haben, irgendwann einmal tot sind. Sie geben den deformierten genetischen Code weiter an ihre Kinder und Kindeskinder, wie bei einer Epidemie. Das ist seit Jahrzehnten bekannt.

gfp.com: Können Sie ein Beispiel nennen?

Wagner: Es gibt viele. Um eines herauszugreifen: 1995 wurde im Bosnienkrieg die kleine serbische Stadt Hadzici, rund 15 Kilometer von Sarajewo entfernt, mit Uranbomben vom Typ GBU 28 bombardiert. Grund war, dass die Serben dort ein Panzerreparaturwerk betrieben. Die Serben ahnten, dass die Auswirkungen der dort eingesetzten Bomben auch nach der Explosion noch lebensgefährlich für die Bewohner sein könnten, und siedelten rund 3.500 Bürger von Hadzici in das Gebirgsstädtchen Bratunac um. Aber das half nichts: Viele dieser Menschen hatten sich schon an dem abgereicherten Uran kontaminiert. In den folgenden fünf Jahren starben fast ein Drittel der aus Hadzici umgesiedelten Menschen - genau: 1.112 - an aggressiven Krebserkrankungen. Der britische Journalist Robert Fisk hat die Sache ganz richtig eingestuft. Er schrieb im "Independent", man hätte auf die Grabsteine dieser Menschen eigentlich schreiben können: "Gestorben an den Folgen von Uranmunition".

gfp.com: Uranmunition wurde also Mitte der 1990er Jahre im Bosnien-Krieg eingesetzt. Wo noch?

Wagner: 1991 haben die alliierten Streitkräfte im Krieg gegen den Irak mindestens 320 Tonnen Uranmunition eingesetzt. Aus einer vertraulichen Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums ist bekannt, dass nach britischen Erkenntnissen schon die Anwendung von 40 Tonnen Uranmunition zu 500.000 Nachfolgetoten führen kann - und zwar durch hochaggressive Krebstumore und Leukämien, die durch das Einatmen von Uran-Nanopartikeln entstehen. Uranmunition wurde auch eingesetzt im jüngsten Krieg gegen den Irak und im Kosovo-Krieg. Es gibt Anzeichen, dass dies auch im Afghanistan-Krieg der Fall war. Mir wurde die Kopie einer Anweisung zugespielt, die als "VS - Verschlußsache - Nur für den Dienstgebrauch" deklariert ist und im Jahr 2003 im Verteidigungsministerium verfasst worden ist. Sie trägt den Titel "Leitfaden für Bundeswehrkontingente in Afghanistan". Dort heißt ein eigener Unterabschnitt: "Gefährdung durch DU-Munition" - DU bedeutet Depleted Uranium, abgereichertes Uran. Aus dem Dokument geht hervor, dass in Afghanistan auch panzerbrechende Brandmunition mit DU-Kern eingesetzt wurde. Wörtlich heißt es dann: "Beim Einsatz dieser Munition gegen Hartziele (z.B. Pz, Kfz) entzündet sich das Uran auf Grund seiner pyrophoren Wirkung. Bei der Verbrennung entstehen besonders an und in den Zielen sesshafte toxische Stäube, die jederzeit aufgewirbelt werden können. DU-Munition kann deshalb bei ungeschütztem Personal toxische und radiologische Schädigungen hervorrufen".

gfp.com: Die Bundeswehr gibt an, sie habe Uranmunition selbst nie verwendet. Nun weckt ein schon seit Jahren laufendes Gerichtsverfahren Zweifel daran...

Wagner: Im August 1983 hat die Bundeswehr, unter strengster Geheimhaltung, Tests mit Uranmunition durchgeführt. Während die Öffentlichkeit mit Protesten gegen die Stationierung von Pershing-Raketen abgelenkt war, verschoss die Bundeswehr mehrere Tonnen Uranmunition mitten in Deutschland in Bergen-Hohne. Dabei handelte es sich nicht um die heute verwendete Munition aus abgereichertem Uran. Es wurden abgebrannte Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken verarbeitet. Wegen der Geheimhaltung wurden für die Beteiligten keinerlei Schutzmaßnahmen getroffen. Einer der Geschädigten ist der ehemalige Bundeswehrsoldat Erich S. Der Mann ist heute krank und arbeitsunfähig und führt seit vielen Jahren eine Klage auf Wehrdienstentschädigung.

Den Gerichten lagen folgende Beweise vor:
Die Namen und Adressen von sechs Soldaten, die bei den Tests dabei waren. Mehrere dieser Soldaten nahmen von den Tests Munitionshülsen mit. Fünf dieser Hülsen existieren noch. Drei Hülsen wurden untersucht. Von den beiden übrigen liegen die Nummern vor. Außerdem wurden eine Urin-und eine Haaranalyse von Erich S. gemacht, die beide positiv waren.

Das Sozialgericht hat mit Urteil vom 27. Juni 2007 die Klage abgewiesen. Das Gericht stützte sich auf folgende Beweise:
1. Eine der Hülsen wurde vom Landeskriminalamt (LKA) Stuttgart untersucht. Das LKA fand radioaktives Material. Eine vom LKA angeregte genauere Untersuchung wurde vom Gericht abgelehnt.
2. Die Aussage des Wehrtechnischen Dienstes (WTD) der Bundeswehr, wonach es sich bei der Hülse um eine Hülse niederländischer Herkunft handelt. Das Gericht verbot Erich S. den Schriftwechsel mit dem WTD. Die Aussage des WTD ist allerdings völlig unsinnig, da auf jeder Hülse mehrere Nummern zu entziffern sind. Nur eine dieser Nummern ist niederländischen Ursprungs. Die übrigen Nummern sind Bezeichnungen der Firmen Rheinmetall, Dynamit Nobel und Diehl, Nürnberg.

Das Gericht lehnte die Klage ab, da die Hülse niederländischen Ursprungs ist und die Bundeswehr anhand der vorliegenden Nummernlisten versichert hat, dass sie nie niederländische Munition verwendet hat. Das Landessozialgericht vertritt die gleiche Ansicht und empfahl eine Klagerücknahme.

Das Landessozialgericht (LSG), immerhin die letzte Instanz, die Beweise ermittelt, lehnte alle Beweisanträge ab und führte auch selbst keine neuen Ermittlungen. Bisher wurde keiner der Zeugen vernommen. Diese können nicht nur die Tests bestätigen, sondern auch, woher die Hülsen stammen. Das Gericht lehnte es ab, sich von der Bundeswehr oder den beteiligten Firmen die Listen der Nummern vorlegen zu lassen. Die Universität Frankfurt hat zwei Hülsen und eine Urinprobe untersucht. Das Ergebnis: Sowohl die Hülsen als auch die Urinprobe enthielten Plutonium und Uran. Das Gericht hatte kein Interesse an den Gutachten. Dem Gericht wurde Prof. Albrecht Schott, Berlin, als Gutachter vorgeschlagen. Prof. Schott hat bei mehreren britischen Golfkriegsveteranen nachgewiesen, dass ihre Chromosomenschäden durch DU-Munition verursacht wurden. Das Gericht lehnte die Bestellung von Prof. Schott als Gutachter ab.

Die Verhandlung vom 20. November 2008 vor dem Landessozialgericht endete mit einer faustdicken Überraschung. Die Berichterstatterin hatte eine Klagerücknahme angeregt, da die Hülse niederländischer Herkunft sei und die Bundeswehr nie mit niederländischer Munition geschossen hat. Diese Aussage hatte Erich S. schon seit Jahren als völlig unsinnig bezeichnet, da die Hülsen mehrfach verwendet werden und auf der Hülse mehrere Nummern deutscher Hersteller eingraviert sind. Beide Gerichtsinstanzen hatten es bisher versäumt, seine Angaben zu überprüfen. Die Überprüfung der Hülse in der jetzigen Verhandlung bestätigte jedoch seine Aussagen eindeutig. Das Gericht ist der Ansicht, dass der Bundeswehrexperte das Gericht bewusst getäuscht hat, da für jeden Laien eindeutig erkennbar ist, dass es sich um deutsche Munition handelt. Damit ist auch die Bundesregierung blamiert, die sich ebenfalls auf diese Aussage gestützt hat. Das Gericht muss nun völlig neu ermitteln, und dies kann wieder Jahre dauern. Dabei wäre eine schnelle Aufklärung wichtig, da auf dem kontaminierten Übungsplatz in Bergen-Hohne immer noch Soldaten üben und auch die Zivilbevölkerung gefährdet ist. Doch die Bundeswehr wird weiterhin die Aufklärung behindern und damit Menschenleben gefährden.
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