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Artikel vom 28.04.2009

Bombodrom:
Puzzlespiel aus vielen Nachrichten
 
Diskussion. Thomas Gädeke ist auf der Suche. Der Seewalder setzt Nachrichten zusammen, wie Puzzlespieler ihre bunten Teile. Seit Monaten versucht er so, die wirklichen Pläne der Bundeswehr rund um den Luft-Boden-Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide aufzudecken.

Von Mario Tumm

Wittstock/Mirow. Mal stößt Thomas Gädeke bei seiner Recherche auf die Meldung, dass die Schweizer Luftwaffe ihre Übungsflüge im Sommer einstellen und neue Flugzeuge kaufen will, dann findet er neu eingerichtete militärische Sperrgebiete im Internet-Luftfahrthandbuch, einen fast vergessenen Ostseeschießplatz östlich von Rügen oder die bereits vorhandenen Tiefflugkorridore quer durch den Nordosten. „Werden die Schweizer etwa Eurofighter kaufen und dürfen dann damit im Sommer über unseren Köpfen üben?“

Auf jeden Fall ist sich Thomas Gädeke sicher, dass das sogenannte Bombodrom das Herzstück für ein riesiges militärisches Übungsgelände von der Ostsee bis Löwenberg, von Usedom bis Ludwigslust ist – der Schlüssel zu allem, sozusagen „das Sahnehäubchen“. Ganz anders, als es die Bundeswehr immer behauptet habe. Viele Nutzungen seien heute schon erlaubt, etwa die Tiefflüge, das Schießen auf See oder Luftkämpfe. Sie finden aber kaum statt, weil erst das Wittstocker Areal mit seinen 12 000 Hektar das Verbindungsglied darstellt, gibt der Seewalder seine Überlegungen wieder. Nur deshalb sei die Bundeswehr so hartnäckig an dem Schießplatz interessiert, betont Gädeke.


Für eine größere Ansicht bitte auf die Grafik
klicken. Grafik: Sandra Weidel


























Offiziell zugeben werden die Militärs das seiner Meinung nach wohl nie. „Aber ich habe viele Quellen zusammengetragen und mir den Rest zusammengereimt.“ Eine wichtige Quelle ist das interne Konzept der Luftwaffe zu den drei Luft-Boden-Schießplätzen Deutschlands aus dem vergangenen Jahr. Dort werden mit dem Verweis „Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch“ die taktischen Planungen bis weit nach 2017 aufgezeigt. Demnach sollen auf dem Wittstocker Gelände nicht nur Bomben geworfen, sondern auch das Zusammenspiel mit Bodentruppen geübt werden, wie es in Afghanistan zum Einsatz kommt. Zudem bekommt das Bombodrom als Übungsgelände für die neu von der Bundeswehr zu kaufenden Jagdflugzeuge vom Typ Eurofighter eine zentrale Bedeutung. Der Ausbildungsflugplatz Laage brauche ein in der Nähe liegendes Übungsgebiet, so das Konzept. Das wäre der Wittstocker Platz. Für die neuen taktischen Übungen erfülle in Deutschland ausschließlich er die qualitativen Voraussetzungen, heißt es in dem Papier weiter. Das Verteidigungsministerium hat nach Bekanntwerden allerdings eine Ausweitung seiner Pläne für den früheren sowjetischen Übungsplatz zurückgwiesen. Es gebe keine Veränderungen, so ein Sprecher seinerzeit. Bislang ist von 1700 Einsätzen pro Jahr mit je fünf Anflügen zum Abwerfen von Bomben die Rede.

Rückhalt für seine Überlegungen bekommt der Seewalder Bombodrom-Gegner durch einen ehemaligen Flugzeugtechniker. „Die Piloten werfen nicht einfach Bomben ab, jedes Mal ist ein Anflug nötig mit ständigen Höhen- und Geschwindigkeitsänderungen. Das gibt jede Menge Lärm“, sagt Hans Brockmann aus Tarp bei Flensburg. Der pensionierte Soldat war 47 Jahre mit seinem Marineflieger-Geschwader auf den Übungsplätzen der Welt unterwegs. „Ich persönlich finde es schwachsinnig, das Bombodrom in dieser einmaligen Natur in Betrieb zu nehmen“, meint Hans Brockmann. Er sei als Urlauber in die Region gekommen und so mit dem Thema konfrontiert worden. Das Szenario ist seiner Meinung nach erschreckend: Die Piloten werden im Tiefflug angeheizt kommen, der Nachbrenner dröhnt. Nach einem Angriff auf fiktive Piratenschiffe vor Rügen könnte die Restmunition auf Bodentruppen bei Wittstock verschossen werden. Dazwischen komme es vielleicht zu Luftkämpfen über der Seenplatte. Und das alles tags wie nachts. Was die Bundeswehr nutzen könne, das werde sie auch in Anspruch nehmen, ist sich Hans Brockmann sicher. „Wir brauchen das aber alles nicht mehr. Flugzeuge sterben aus.“ In Zukunft werden Raketen oder Satelliten die Bekämpfung der Ziele übernehmen. Warum also ein neuer Übungsplatz?

Genau diese Frage stellt sich Thomas Gädeke täglich. Es gibt seiner Meinung nach keinen vernünftigen Grund für den Schießplatz in der Ruppiner Heide – aber genügend versteckte Interessen einer Lobby aus Militärs, Flugzeugbauern und uneinsichtigen Politikern. „Die Bundeswehr tut so, als ob hier alles leer ist. Aber hier wohnen doch Menschen.“ – Viele von ihnen wehren sich, bis zum Aus für das Bombodrom.

Interview

"Das steht im Gegensatz zum Konzept von 2002"
Mirow. Die Gegner des Luft-Bodenschießplatzes haben mehrere Gerichtsverfahren gewonnen, die Bundestagsfraktionen sind mehrheitlich gegen die Pläne. Trotzdem hat die Bundeswehr ein erweitertes Konzept aufgelegt. Mit der ersten Sprecherin der Aktionsgemeinschaft „Freier Himmel“, Barbara Lange, sprach darüber Mario Tumm




B. Lange
Foto: privat
 
Gibt es aus Ihrer Sicht eine neue Qualität für die Nutzung des Bombodroms?
Das im August 2008 beschlossene neue Konzept des Verteidigungsministeriums zeigt eine neue Qualität. Ausgehend von der Übung einzelner Elemente, wie das Treffen einer Zielpyramide, sollen jetzt vernetzte Kampfhandlungen geübt werden. Während des Prozesses am 27. März in Berlin ließ das Verteidigungsministerium einmal kurz die Katze aus dem Sack: Die Kampfhandlungen in Afghanistan und damit die Luftunterstützung von am Boden handelnden Einheiten sollen geübt werden. Und das steht, obwohl ähnliche Einsatzzahlen im neuen Konzept genannt sind, ganz im Gegensatz zum Betriebskonzept von 2001.

Welche Auswirkungen hätte dies auf die Anwohner?
Da nicht nur die Luftwaffe den Platz beansprucht, sondern im Verbund mit Bodentruppen von 1000 Mann Stärke an bis zu 100 Tagen im Jahr dort den vernetzten Luft-/Bodenkrieg üben will, wird nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden mehr militärische Bewegung sein. Weiterhin wurde ohne große öffentliche Debatte über weite Teile Mecklenburgs ein Netz reservierter Lufträume für die Luftwaffe gelegt. Offen wird vom verbundenen Einsatz deutscher und alliierter Streitkräften gesprochen. Der Nordosten könnte zum NATO-Übungsplatz größten Ausmaßes werden. Davon sind nicht nur die Anwohner im Süden Mecklenburg-Vorpommerns, sondern im ganzen Land und in Brandenburg betroffen.

Haben sich die Chancen zur Verhinderung der militärischen Nutzung dadurch verschlechtert? Nein, verschlechtert haben sie sich dadurch nicht. Mit dem neuen Konzept sind die Konsequenzen für Mecklenburg-Vorpommern und Nordbrandenburg klarer geworden. Es zeigt, dass das Bombodrom eingebunden ist in eine, das ganze Land betreffende Überplanung des Luftraums für militärische Zwecke.

Nach 17 Jahren Protest gibt es noch immer keine abschließende Entscheidung. Wer blockiert Ihrer Meinung nach?
Wir haben diverse Regierungskoalitionen erlebt. Immer blockierte ein Partner. Gestern die SPD, heute die CDU und – wenn jetzt nicht die Gunst der Stunde im Bundestag ergriffen wird – morgen die FDP. Das Verteidigungsministerium selbst versucht in höchst unseriöser Weise, Bedeutung und Brisanz der Gerichtsentscheidungen zu nivellieren, indem es von mehr als 200 gewonnenen Verfahren spricht, aber jeglichen qualitativen Unterschied der Urteile verschweigt, denn gewonnen hat sie nur Gebietszuordnungsverfahren, die das Areal des Bombodroms in den Besitz des Bundes (nicht des Verteidigungsministeriums) haben übergehen lassen. Dafür verschweigt das Verteidigungsministerium, dass es mit seinen Planungen für das Bombodrom verwaltungsrechtlich gescheitert ist, in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Potsdam 2007, in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg 2009, weil die Planungen rechtsstaatlichen Kriterien nicht standhalten und die gravierenden Planungsfehler nicht heilbar sind. Juristisch ist das Bombodrom tot...

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